

Pickel blinzelte in der Dunkelheit seiner gemütlichen Höhle. Er streckte seine kleinen, runden Beine aus und gähnte herzhaft. Seine Stacheln, die weich wie kleine Quasten waren, raschelten im trockenen Laub. Irgendetwas war heute anders. Seine feine Igelnase zuckte heftig. „Hatschi!“, nieste Pickel leise. Die Luft roch nicht mehr so eisig wie gestern. Er zog seinen winzigen blauen Schal zurecht, den er auch im Schlaf trug. „Könnte es schon soweit sein?“, flüsterte er aufgeregt in die Stille hinein.

Vorsichtig schob Pickel seine Nase aus dem Laubhaufen. Helles Licht blendete ihn sofort. Überall lag noch weißer Schnee, aber er glitzerte anders als sonst. Es tropfte von den Zweigen der großen Tannen. *Plopp, plopp, plopp.* Pickel kletterte ganz ins Freie. Der Schnee fühlte sich nass und matschig unter seinen kleinen Pfoten an. „Der Winter wird müde“, kicherte Pickel. Er wusste genau, was seine Aufgabe war. Er war der Weckdienst des Waldes. Aber dafür brauchte er einen Beweis.

Pickel stapfte mutig los. Sein blauer Schal wehte leicht im Wind. „Ich muss das Schneeglöckchen finden“, sagte er zu sich selbst. Erst wenn die erste Blume blühte, durfte er die anderen Tiere wecken. Das war das Gesetz des Waldes. Er sah hinauf zum Baum des Eichhörnchens. Alles war still. Das Eichhörnchen schlief sicher noch tief und fest und träumte von Nüssen. „Keine Sorge“, rief Pickel leise nach oben. „Ich finde den Frühling für uns alle, ganz sicher!“

Der Weg zum Bach war schwieriger als gedacht. Der Schnee war rutschig wie Schmierseife. Pickel machte einen Schritt und rutschte zwei zurück. „Oh weh!“, rief er, als er ins Straucheln geriet. Er rollte sich blitzschnell zu einer Kugel zusammen. Dank seiner weichen Quasten-Stacheln tat der Aufprall gar nicht weh. Er kullerte ein Stück den Hügel hinab und landete sanft in einem Moosbett. Lachend rappelte er sich wieder auf. „So kommt man doch viel schneller voran!“, freute er sich.

Unten am Bach war es laut. Das Eis war gebrochen und das Wasser sprudelte fröhlich über die Steine. Pickel beugte sich vor und betrachtete sein Spiegelbild im klaren Wasser. Sein blauer Schal saß perfekt. Er suchte das Ufer ab. „Wo versteckst du dich, kleines Schneeglöckchen?“, fragte er suchend. Er hob feuchte Blätter an und schuate hinter graue Steine. Aber dort war nur braune Erde zu sehen. Noch keine Spur von Grün. Pickel seufzte leise, gab aber nicht auf.

Pickel lief weiter zur alten Eiche. Hier war der Schnee schon fast ganz geschmolzen. Die Wurzeln des Baumes sahen aus wie knorrige Finger, die sich in die Erde gruben. Ein kalter Windstoß fuhr Pickel in die Stacheln. Er zitterte kurz. „Brrr, der Winter will wohl noch nicht gehen“, murmelte er. Er drückte sich eng an die Rinde der Eiche, um sich zu wärmen. War es vielleicht doch noch zu früh? Hatte ihn seine Nase getäuscht? Er wurde unsicher.

Plötzlich teilten sich die grauen Wolken am Himmel. Ein goldener Sonnenstrahl brach durch die Baumkronen. Er traf genau auf Pickels runde Nase. „Huch!“, machte der kleine Igel überrascht. Die Wärme fühlte sich herrlich an, wie eine weiche Decke. Der Wald schien sofort freundlicher auszusehen. Vögel begannen zaghaft zu zwitschern. Pickel schöpfte neuen Mut. Die Sonne zeigte ihm den Weg. Er folgte dem Lichtstrahl, der auf eine kleine Lichtung hinter den Büschen zeigte. Dort musste es sein!

Pickel kroch unter einem dornigen Busch hindurch. Sein Schal blieb kurz hängen, aber er zupfte ihn vorsichtig los. Da sah er es! Inmitten einer kleinen Insel aus geschmolzenem Schnee ragte etwas Spitzes aus der Erde. Es war grün und frisch. Pickels Herz klopfte schneller. Er trippelte näher heran. War es nur ein Grashalm? Nein, es war dicker und kräftiger. Er hielt den Atem an. Konnte das wirklich der Anfang vom Frühling sein? Er musste es genau untersuchen.

Tatsächlich! Da stand es. Ein wunderschönes Schneeglöckchen mit einem hängenden, weißen Köpfchen. Es sah aus wie eine kleine Glocke aus reinem Licht. Pickel strahlte über das ganze Gesicht. „Ich habe dich gefunden!“, jubelte er leise, um die zarte Blume nicht zu erschrecken. Sie nickte leicht im Wind, als wollte sie ihn begrüßen. Der Frühling war offiziell da. Pickel tanzte einen kleinen Freudentanz um die Blume herum. Jetzt hatte er eine wichtige Nachricht zu überbringen.

So schnell seine kurzen Beine ihn trugen, flitzte Pickel zurück. Er achtete nicht mehr auf den Matsch oder die Pfützen. *Patsch, patsch, patsch* machten seine Füße. Er fühlte sich federleicht. Er musste zum großen Platz in der Mitte des Waldes. Dort konnte ihn jeder hören. Sein blauer Schal flatterte wie eine Fahne hinter ihm her. „Aufwachen!“, rief er schon mal probeweise, aber der Wind verschluckte seine Worte noch. Er musste erst alle versammeln. Die Vorfreude kribbelte in seinem Bauch.

Pickel erreichte atemlos die große Lichtung. Er kletterte auf einen flachen Baumstumpf. Er holte tief Luft, so dass sich seine Brust weitete. „Der Frühling ist da!“, rief er mit seiner lautesten Igelstimme. „Ich habe das Schneeglöckchen gesehen!“ Seine Stimme hallte durch den stillen Wald. Zuerst passierte nichts. Dann raschelte es in den Zweigen. Eine braune Nase schob sich aus einem Erdhaufen. Es war Frau Dachs, die sich verschlafen die Augen rieb. Auch oben im Baum regte sich etwas.

Das Eichhörnchen sprang vom Baum und landete neben Pickel. „Ist es wirklich wahr?“, fragte es gähnend. Pickel nickte stolz. „Ganz wirklich. Das Weiße ist weg, das Grüne ist da!“ Immer mehr Tiere kamen aus ihren Verstecken. Sie umringten Pickel und klopften ihm auf seine weichen Stacheln. Die Sonne schien nun warm auf die Lichtung. Alle waren froh, dass der lange Winter vorbei war. Pickel lächelte zufrieden und rückte seinen blauen Schal zurecht. Er war der Held des Tages.
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